Erste Deutschstunde im neuen Land

Flüchtlinge aus Eritrea und Somalia versuchen im neuen Leben Fuß zu fassen

Gastbeitrag

art-fl-03-DSC00007tMarklkofen/Steinberg.(hmv) Sie haben einen großen Wunsch – sie alle wollen Deutsch lernen. Und alle möchten möglichst schnell arbeiten. Sie kommen aus Somalia und Eritrea am Horn von Afrika – die 13 politischen Flüchtlinge die seit Mitte September in Steinberg am Geierberg wohnen. Nachdem Gottfried Gebauer seine dortige Immobilie beim Landratsamt als Flüchtlingsunterkunft gemeldet hatte, wurden die Männer im Alter von 19 bis 39 Jahren der Gemeinde Marklkofen nach einem unabhängigen Verteilerschlüssel zugeteilt.

Flucht aus den Heimatländern unter unmenschlichen Bedingungen

Alle 13 Männer haben eine mehr oder weniger lange, in jedem Fall gefährliche Flucht aus ihren Ländern, durch die Sahara nach Libyen und von dort mit sogenannten „Seelenverkäufern“ übers Mittelmeer nach Italien hinter sich. Von dort ging es weiter nach Deutschland, nach Bayern, in den Landkreis Dingolfing-Landau – bis sie schlussendlich in Steinberg landeten. Manche – wie Negid (33) oder Semere (39), beide aus Eritrea – haben Frau und Kinder zurücklassen müssen. Manche sind traumatisiert und müssen die Erlebnisse in ihren Heimatländern und von ihrer Flucht erst noch verarbeiten. Manche – wie Said (20) aus Somalia – wissen heute nicht, wie es ihrer Familie zuhause geht. Er selbst musste fliehen, nachdem sein Vater umgebracht wurde, weil er nicht regimekonform war. Seitdem liegt seine Zukunft im Ungewissen. In seiner Heimat hatte er begonnen, „Public Health“ (Öffentliches Gesundheitswesen) zu studieren und würde gerne auch in Deutschland weiterstudieren. Andere – wie Cifani (19) oder Abdirahman (21), beide aus Somalia – setzen verstärkt auf das Pflänzchen Hoffnung, und wünschen sich, dass aus all dem Chaos doch noch eine neue Chance für ihr Leben erwächst. Beide sind leidenschaftliche Fußballspieler und würden ihre Talente gerne weiterentwickeln und Profi-Fußballer werden.

Fußball verbindet – Sport als Integrationsfaktor

art-fl-01-DSC00003tWobei Fußball ein Thema ist, dass alle Mitglieder der zufällig zusammengewürfelten Gruppe aus den beiden afrikanischen Ländern eint. Mit Freude spielen sie derzeit beim SV so oft es geht gemeinsam auf dem Platz. Eine der wenigen Abwechslungen im sonst eher eintönigen Leben der Flüchtlinge, deren Mobilität aus vielerlei Gründen ansonsten eher eingeschränkt ist. Erstens fehlen ihnen noch die Sprachkenntnisse, zweitens kennen sie sich nicht aus in der Umgebung, drittens werden sie von vielen „als Fremde“ eher mit großer Zurückhaltung betrachtet, viertens dürfen sie den Landkreis von Gesetzeswegen nicht ohne Erlaubnis verlassen und fünftens ist es Ihnen auch gar nicht möglich, da sie im Monat pro Person nur 140 EUR für alle Belange ihres Lebensunterhaltes zur Verfügung haben. Da kann es vorkommen, dass im Kühlschrank am Ende des Monats für einen längeren Zeitraum nur „nackerte“ Nudeln und Ketchup zu finden sind. Die 13 Männer teilen sich in ihrer neuen Unterkunft eine Küche und kochen in der Regel jeweils in vier Etappen. Die einzige Abwechslung im täglichen Einerlei des Wartens und der Ungewissheit ist ein TV-Gerät, mit dem sie auch Sendungen aus ihrem Heimatland empfangen können. Nur – die Gruppe ist nicht homogen: weder von der Muttersprache her (Somali sowie Arabisch und andere Dialekte aus Eritrea), noch von der Religion (Christen, Orthodoxe und Muslime), noch vom Bildungs- und Ausbildungsstand, noch vom Alter und schon gar nicht von den persönlichen Schicksalen her. Das heißt, die Flüchtlinge müssen zweifach Integrationsarbeit leisten – einmal betrifft dies das neue Land mit seiner neuen Sprache und Kultur, zum anderen aber auch das Zusammenleben innerhalb der zufällig zusammengewürfelten Wohngemeinschaft im Haus am Geierberg.

art-fl-02-DSC00013tHier sind die Flüchtlinge daher verstärkt auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. Wobei sicherlich hilfreich ist, dass bei vielen noch die Zeit von Deutschland nach dem Krieg lebendig ist, als sie teilweise selbst als Flüchtlinge in die Gemeinde Marklkofen kamen. Allerdings mit dem Vorteil Kultur und Sprache weitgehend zu kennen. Zum anderen dürften viele Bürger, betroffen durch die täglichen Horrormeldungen in den Medien, den Wunsch haben, gegen die Ohnmacht und Ignoranz der Weltpolitik zumindest ein kleines Zeichen von Engagement, Nächstenliebe und Solidarität setzen zu können. Derzeit erfahren die Flüchtlinge Nachbarschaftshilfe von der Familie von Gemeinderat Dr. Bernd Vilsmeier, dessen Eltern im Haus gegenüber wohnen. Und Maria Blenninger ist als „Mama Maria“ eine feste Größe, auf die die Gruppe bauen kann. Maria Blenninger kümmert sich bereits seit Jahren um die Probleme von Flüchtlingen und hat einen afghanischen Adoptivsohn.

Bundesweit stehen Gemeinden vor neuen Aufgaben

Die Gemeinde Marklkofen – die ebenso wie die Bevölkerung vor vollendete Tatsachen gestellt wurde – hat daher nun als erste Integrationsmaßnahme einen Sprachkurs organisiert, an dem am vergangenen Mittwoch alle 13 Flüchtlinge das erste Mal teilnahmen. Freundlicherweise haben sich bereits Marianne Schmitz, ehemalige Direktorin der Marklkofener Grundschule sowie Egon Hageneder auf Bitten von Gemeinderat Dr. Christoph Kagerbauer bereit erklärt, diese Aufgabe ehrenamtlich zu übernehmen und Pfarrer Alfons Laumer stellte einen Raum im Steinberger Pfarrheim zur Verfügung. Weitere Mitstreiter werden jedoch dringend gesucht, da derzeit nur einmal die Woche unterrichtet werden kann. Für die restliche Zeit vertiefen die Flüchtlinge ihre Sprachkenntnisse – über Eigenstudium mit Wörterbüchern auf somali-deutsch, arabisch-deutsch und englisch-deutsch. Die Wörterbücher wurden ebenfalls gemeindeseitig „als Hilfe zur Selbsthilfe“ zur Verfügung gestellt. Für Teilnehmer, die bereits gute Englischkenntnisse haben, steht auch der Englisch-Stammtisch von Dr. Christoph Kagerbauer jederzeit offen.

Deutschunterricht – wichtigste Voraussetzung für einen Start im fremden Land

Alle neuen Schüler bekamen an ihrem ersten Tag eine „Schultasche“ von der Gemeinde mit Block und Stift, Namenschild und weiteren Schulutensilien. Sowohl Marianne Schmitz als auch Egon Hageneder waren äußerst positiv vom Engagement und Lernwillen ihrer neuen Schüler angetan. Die Verständigung klappte insgesamt hervorragend, da zum Glück fast alle 13 Teilnehmer – davon einige bereits sehr gute – englische Sprachkenntnisse haben. Flüchtlinge, die englisch und sogar schon ein paar Brocken Deutsch konnten, übersetzten notfalls die Aufgaben in die jeweiligen Heimatsprachen, so dass am Ende alle profitieren vom gegenseitigen guten Willen konnten. Die Schüler von ihren neuen Erkenntnissen und der Zuwendung, die sie spüren konnten und die Lehrer von den strahlenden Gesichtern ihrer Schüler, wenn sie wieder eine sprachliche Hürde genommen war. Es wurde auf jeden Fall viel gelacht in den ersten eineinhalb Stunden Unterricht, was sicherlich für beide Seiten das schönste Nebenprodukt des Unterrichts war und eine gute Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit.

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Neben den Schulutensilien bekamen alle Teilnehmer zudem eine Leucht-Warnweste geschenkt, um für die kommende dunkle Jahreszeit gerüstet zu sein, wenn sie mit dem Fahrrad ein bisschen die Gegend erkunden möchten, um nicht den ganzen Tag untätig in ihrer Unterkunft sitzen zu müssen. Allerdings – auch hier fehlt’s noch: Derzeit hat die 13-köpfige Gruppe nur insgesamt fünf Fahrräder zur Verfügung. Weitere Fahrradspenden aus der Bevölkerung sind also sehr herzlich willkommen. Und ebenfalls Fahrradnarren, die beispielsweise einen Basis-Crash-Kurs in Sachen Fahrrad-Reparatur geben könnten oder einen Crash-Kurs in Sachen wichtigste Verkehrsregeln. (In beiden Fällen wären zumindest rudimentäre Englischkenntnisse von Vorteil). Alle Bürger, die sich mit Sachspenden oder zeitlichem Engagement für die Integration der Flüchtlinge einsetzen möchten, können sich bei der Gemeinde, Telefon: 08732-91190 melden. Alle die sich engagieren wollen, erhalten jederzeit gerne Unterstützung, Tipps oder Erfahrungsberichte von der Gruppe um Dr. Christoph Kagerbauer.

Zur Situation in den Herkunftsländern

art-fl-04-DSC00008tFür alle, die sich genauer über die Situation in den Herkunftsländern der Flüchtlinge informieren möchten – hier einige weiterführende Links: Zur Lage in Eritrea: http://www.papayo.org/information/politische-situation-in-eritrea/ und zur Lage in Somalia: http://www.somalia-aktuell.de/

Heike Mahler-Voll
(Pressebeitrag als Gastbeitrag)

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